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Leseprobe aus Heft 1 / 2012

Neue Chorwerke
Drei Uraufführungen in Berlin

Die drei Uraufführungen neuer Chorwerke, die man im Herbst in der Berliner Philharmonie und dem benachbarten Kammermusiksaal erleben konnte, zeigten, wie weit die Möglilchkeiten auseinanderliegen können, mit dem gesungenen Wort komponierend umzuspringen.

Benjamin Schweitzer (*1973) verlässt sich in seiner Komposition Vergehn wie Rauch ganz auf die Gesangskultur des RIAS-Kammerchors, der das Werk in Auftrag gegeben hatte. Schweitzer kombiniert Texte von sechs Zeugen des Dreißigjährigen Krieges: Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Andreas Gryphius, Martin Opitz, Georg Philipp Harsdörffer und Friedrich von Logau. In den resignativen, in hohe Wortkunst gefassten Barocktexten legt Schweitzer durch Montage und Collage je zweier Gedichte die Erfahrung des Grauens frei, die ihnen zugrunde liegt. Es wird gesungen, gehaucht und geflüstert, die Blechbläser dialogisieren mit den Singstimmen oder erweitern die Palette flüchtiger Hauchlaute. Doch auch, wo Schweitzer den Sprachklang etwa von Zischlauten als musikalisches Material herausschält, bleibt er der Beredtheit seiner Texte treu: Trostlosigkeit und Flüchtigkeit der Existenz sind ihr Gegenstand, und Schweitzers Musik macht das vielschichtig spürbar. Eine bessere Uraufführung des klanglich herben, aber stets verständlichen Stücks als durch den RIAS-Kammerchor unter Kaspars Putnins am 21. Oktober 2011 hätte Schweitzer sich nicht wünschen können. Denn die RIAS-Sänger vereinen reinen Stimmklang mit stets verständlicher Artikulation – und das auf einem musikalischen Niveau, das staunen macht.

Von denselben Qualitäten profitierte auch das Requiem von Tigran Mansurian (*1939), das am 19. November 2011 erstmals im Kammermusiksaal der Philharmonie erklang; zum RIAS-Kammerchor, auch hier der Auftraggeber, trat das Münchner Kammerorchester, Dirigent war Alexander Liebreich. Mansurian hält sich an den lateinischen Requiem-Text. Sein Requiem ist in dem Sinn tonal, dass sein Chorsatz einer Tonskala treu bleibt: der Molltonleiter mit erhöhter siebter Stufe – allerdings nicht als harmonische Molltonleiter, denn Akkordfunktionen spielen keine Rolle. Stattdessen geht die Skala offenbar auf die armenische Volksmusik zurück: Der Armenier Mansurian bezieht sein Werk auf Verfolgung und Massenmord an seinem Volk im vergangenen Jahrhundert. Dieser Bezug steht im Hintergrund, ohne sich aufzudrängen. Solistische, chorisch-einstimmige oder homophone Chorsätze zeichnen klare Linien und enthalten sich aller Folkloristik oder Sentimentalität; Rhythmus und Rhetorik bestimmen eindrucksvoll die Vertonung des alten Textes. Der sorgfältig geführte Streichersatz liefert Impulse und eigenes Material, das subtil über die Tonskala des Chorsatzes hinausgeht. Dass die Klarheit dieser Musik nicht durch wohlfeile Neotonalität erkauft ist, zeigt sich etwa beim abschließenden „Osanna“ im „Sanctus“: Ein unerwartet eintretender Durklang irritiert, ja schmerzt hier – die Begrüßung des Messias wirft mehr Fragen auf, als dass sie Erlösung verspricht.

Fragen bleiben auch nach der Uraufführung von Jonathan Harveys (*1939) Oratorium Weltethos am 13. Oktober 2011 durch den Rundfunkchor Berlin, die Kinderchöre des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums, den Sprecher Dale Duesing und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung Simon Rattles. Hinter dem einschüchternden Titel steht ein Konzept des Theologen Hans Küng, das nach verbindenden Elementen zwischen den Weltreligionen sucht, mit keinem geringeren Ziel als dem Weltfrieden. Fündig wurde Küng unter anderem bei der „Goldenen Regel“: Das „Was du nicht willst, dass man dir’s tu …“ findet sich ähnlich in allen großen Religionen. Küng machte diese Parallelität zur Grundlage eines sechsstrophigen Oratorientextes, dessen Komposition dem Briten Jonathan Harvey angetragen wurde. Die sechs Sätze des Werks, den Religionen Konfuzianismus, Judentum, Hinduismus, Islam, Buddhismus und Christentum entsprechend, folgen einem festen Schema: Vorspiel, erläuternd-erzählender Sprechtext, Chor-Echo auf den Text, Vertonung eines wichtigen kanonischen Textes und Refrain des Kinderchors. Es ist die Stärke von Harveys Komposition, dass er mit schier unerschöpflicher Erfindungskraft dieses Schema fruchtbar aufbricht, Textteile in musikalisches Material verwandelt und verfremdet, Elemente der jeweiligen Musiktradition sinnvoll einsetzt – kurz, dass er eine vielschichtige, in sich klangvolle und sinnreiche Musik schafft, die einen leuchtenden Hintergrund bildet für Küngs Text. Bei diesem jedoch liegt die Schwäche des aufwändig besetzten Werks. Er kommt, trotz der poetischen Kraft der zitierten Originaltexte, nicht los vom Charakter einer illustrierten Vorlesung; und der Kinderchor muss in seinem Refrain „Wir haben Zukunft“ papierene Parolen zum Besten geben („Kein Rassismus! Kein sexueller Missbrauch!“). Musik und Hörer werden von solchen Unabweisbarkeiten ungut in Beschlag genommen. Es bleibt der schale Eindruck, belehrt statt bereichert nach Hause gehen zu müssen.   
Friedrich Sprondel



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