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Über die Uraufführung einer Kantate von Matthäus Müller. Zuschrift von Reinhard Plate, Stiftskantor i. R., Wunstorf

Es kommt im Leben eines Musikers öfter vor, dass ihm Noten geschenkt werden; aber es ist eher seltener, dass sich darunter ein Manuskript befindet. So geschah es, dass Gunter Lege, ein alter Freund aus Studientagen in Hannover, einen Besuch in Wunstorf machte und etliche Noten in seinem Gepäck hatte. Ein Exemplar fiel besonders auf, allein durch das Papier und die Widmung auf dem Titelblatt: „Dem vortrefflichen Flötenspieler Dûlon zu Ehren und immerwährenden Andenken in Musik gesetzt von M. Müller, Organist an St. Nicolai zu Rinteln“. Dann folgen im Innern eineinhalb Seiten handgeschriebene Noten auf zwei Systemen notiert mit der Satzbezeichnung „Andante grazioso in Es-Dur“ – das war alles.

Intensive Nachforschungen haben ergeben, dass es sich bei Dûlon zu „den ersten Flöttraversisten von Europa“ zählenden Friedrich Ludwig Dûlon handelte (1769–1826). Nach der Geburt durch einen ärztlichen Kunstfehler erblindet, wurde er zunächst von seinem Vater ausgebildet, der in Potsdam Schüler des Quant-Schülers Neuff gewesen war. Ein phänomenales Gedächtnis und große Begabung ermöglichten schon ab 1781 erfolgreiche Virtuosenreisen durch Deutschland, Holland, die Schweiz, England und Russland. Auf einer dieser vom Vater begleiteten Reisen muss er auch in Rinteln/Weser gastiert haben; das könnte schon im Jahre 1782 gewesen sein.

Es gibt eine Autobiographie von Fr. L. Dûlon, die über berühmte Zeitgenossen, das Leben der reisenden Virtuosen und die Anfänge des bürgerlichen Konzertlebens berichtet.( erschienen 1807/08 in 2 Bänden bei Gessner in Zürich).

Vom Komponisten des Singstücks, Matthäus Müller wissen wir, dass er aus Northeim stammte von 1768 bis 1814 Organist in Rinteln war. Müller war übrigens der Vater des ungleich bekannteren August Eberhard Müller, der in Rinteln aufwuchs, seine musikalische Ausbildung im nahen Bückeburg bei Joh. Chr. Friedrich Bach erhielt und als Leipziger Thomaskantor und Kapellmeister im Weimar zur Goethezeit Karriere machte.

Den Noten ist auch ein Text unterlegt; da heißt es in der ersten Strophe:

„Du guter Dûlon klage nicht,
dass Nacht umflort dein Angesicht;
hast du nicht tiefes Herzgefühl?
Nicht zauberisches Flötenspiel ?“

und schließlich:

„ O Dûlon, Dûlon, freue dich,
einst öffnen deine Augen sich,
dann siehst du Gottes Herrlichkeit
und flötest ihm aus Dankbarkeit.“

Die Verse sind einem neunstrophigen Gedicht„ Dem blinden Flötenspieler auf die Reise“ entnommen und stammen von dem württembergischen Dichter, Organisten, Komponisten und Journalisten Chr. Friedrich Daniel Schubart. Man kann sich gut vorstellen, dass Vater Dûlon dieses Gedicht aus der Tasche gezogen und es dem gleichaltrigen Rintelner Kantor gezeigt hat, und der hat nun ein anmutige Singstück davon gemacht und es dem „vortrefflichen Flötenspieler“ gewidmet.

Die musikalische Anlage gleicht eher einem Klavierauszug als einer Partitur; so sind z. B. Texte nur teilweise angedeutet. Ohne Zweifel ist die quirlige Instrumentalstimme einer Flöte zuzuordnen. Die Gesangstimme hat den Umfang eines Soprans; begleitende Akkorde sind klaviermäßig gesetzt.
Schließlich hat sich der versierte hannoversche Komponist Gunter Lege des Manuskripts angenommen und so arrangiert, dass daraus eine spielbare Partitur geworden ist.

In einem Konzert am 29. Mai 2016 in der Osterwalder Barockkirche haben Ricarda Kannenberg, Sopran, Reinhard Plate, Flöte und Daniel Morgner, Klavier die Kantate mit Erfolg zur Aufführung gebracht. Die Zuhörer waren von dem Stück angetan und meinten eine Mozart-Arie gehört zu haben …

Zur CD-Rezension Jochen Arnold „Crügers Choräle“ in MuK 2/2016, S. 124.

„Und so genießen wir auf dieser CD Crügers großartige Choral-Harmonisierungen samt fröhlich-virtuosen Oberstimmen in einer Originalklangpraxis, die ihresgleichen sucht: Violinen, Zinken und Posaunen konzertieren über Continuo-Basis mit hervorragend disponierten Sängern in wunderbar reiner historischer Stimmung. Jedes Textwort ist dank sorgfältigster Sprachbehandlung verständlich.“

Das schreibt ein sehr erfahrener Rezensent (Michael Wersin) im Rondo-Magazin mit Datum vom 26.12.2015 (http://www.rondomagazin.de/kritiken.php?kritiken_id=9431).

Wenn man die Rezension von Jochen Arnold dagegen hält, muss man sich fragen: Haben beide dieselbe CD gehört? Arnold hört „kleinere und größere Intonationstrübungen.“ ¬ – Kann es sein, dass er, obwohl selber Leiter eines „historisch“ ambitionierten Ensembles, sich an „reiner historischer Stimmung“ stört? Statt „hervorragend disponierte Sänger“ konstatiert er bei den Vokalpartien „nicht auf dem aktuellen Stand der Aufführungspraxis“. Meint er damit vielleicht den aktuellen Mainstream, der ein bisschen auf „historisch informiert“ macht, aber ansonsten die in den 70er und 80ern von Spezialensembles präsentierten Errungenschaften meint, über Bord werfen zu können?

Vielleicht hat er sich auch nicht die Mühe gemacht, die einschlägigen Referenzen der „Musicalischen Compagney“ zu erkunden. Für dieses Ensemble, aus dessen Hoch-Zeit in den 80er-Jahren ja auch einige der Crüger-Sätze hier stammen, galten stets Sprache und Klang, also lebendig differenzierte Deklamation und absolut reine Intonation als prinzipielle wie essentielle Voraussetzungen. Realisiert wurde dies eben im Knabensopran- bzw. Falsettisten-dominierten Ensembleklang, schlank und dennoch von konsistenter Fülle wie ungewöhnlicher Transparenz. Vermisst Arnold de facto den gewohnten, mehrfach besetzten gemischten „Chor“? Den gab es bei Crüger gewiss nicht. Hier aber sollte ja tatsächlich (erstmalig und wohl auch einmalig) mit authentischer Besetzungskonstellation musiziert werden, weshalb die Erlanger Universitätsmusik das Projekt unterstützt hat.

Wenn Arnold völlig konträr zu Wersin der „Hörgenuss“ hier fraglich erscheint, kann man ihm nicht helfen. Leider verschließt er sich  der Horizonterweiterung, die ja auch die mit Crügers Sätzen transportierten Liedtexte und -formen betrifft. Das ist die in Arnolds Ohren „monochrome“ Klanggestalt und damit das Gesamtprofil, mit welchem etwa Paul Gerhardts Lieder in die Öffentlichkeit traten! Auf der CD ist allerdings demonstriert, wie vielfarbig die Liedstrophen präsentiert werden konnten durch reichen Wechsel in der Vokalbesetzung wie Instrumentalbesetzung. Oder ist  für Arnold der Gesang von Knaben zu wenig Farbwechsel gegenüber den Männerstimmen?

In der Deklamation hört Arnold „fast keinen Unterschied“ zwischen schweren und leichten Silben. Das kann nur die von Crüger dezidiert hymnisch gesetzten Luther-Festlieder meinen. Auch da bietet die CD eben eine Horizonterweiterung, indem plastisch wird, dass Crüger die alten Luther-„Choräle“ in erhabeneres Gewand kleidet als die „Neuen Lieder“ seiner Zeit. Vielleicht wünscht sich der Rezensent allenthalben neobarockes Geplapper und flotte Tempi, was die Satzcharaktere nivelliert. Auch das ist ein Signum der von Holger Eichhorn verantworteten Einspielungen, solchen Trends stets widerstanden zu haben aus dem gebotenen Respekt vor den in Tonsatz wie Schriftform zugänglichen Quellen. Zum Beispiel fordert Crüger explizit „einen feinen langsamen Tact“ in der Vorrede zur Basso Continuo-Stimme der Edition 1657. Als Zinkenist und Posaunist hat Eichhorn zudem das „Feeling“ für den erhabenen Kirchen-Sound, den die Bläsergruppe aus Posaunen und Cornetto damals verkörperte.

Diese Rezension in MuK musste wohl erscheinen, auf dass erfüllet würde das Wort, das geschrieben steht – bei Crüger im genannten Vorwort als Schlussbemerkung:

„Ich zweiffele nicht / es werden sich Componistellulae und selbst gewachsene Klüglinge finden / die eines und das ander zu Carpiren sich unterstehen dörffen / deren unreiffes und ungegründetes judiciren ich aber weniger als nichts achte. Sintemahl es heisset: Facilius est Carpere, quam imitari. Göttlicher Obacht in Gnaden uns allerseits treulich befohlen. Amen.“

Konrad Klek (Erlanger Universitätsmusik)

Stirbt die Kirchenmusik?

(1.2.2016) In der "Süddeutschen Zeitung" vom 30. Januar 2016 ist unter der Überschrift „Abgesang. In vielen Gemeinden verschwinden die Chöre. Gibt es noch Hoffnung für die Kirchenmusik?“ ein längerer Beitrag von Rudolf Neumaier erschienen, der auch im Internet unter www.sueddeutsche.de/leben/kirchenmusik-wenn-der-kirchenchor-verstummt-1.2837180 gelesen werden kann. In der Online-Ausgabe lautet der Beitrag mit anderer Gewichtung: „Wenn der Kirchenchor verstummt. In vielen Gemeinden verschwinden die Chöre, Kirchenmusik hat heutzutage einen schweren Stand. Doch wo Profis am Werk sind, brummt der Laden.“

Die Redaktion von „Musik & Kirche“ fragt: Stirbt die Kirchenmusik wirklich? Veröffentlichung Ihrer Zuschriften im Forum von www.musikundkirche.de

Antwort auf Martin Rieker („Forum“ vom 4.11.2015)

Sehr geehrter Herr Rieker,

Ihre Beobachtung sind sicher im Kern richtig und ich stimme Ihnen in vielem uneingeschränkt zu. Dennoch glaube ich auch, dass die klassische Kirchenmusik gut daran täte, weniger kulturpessimistisch zu argumentieren. Zum einen sind Kirchen als erstes Glaubenshäuser und nicht Kulturhäuser. Wir dürfen nicht ohne Weiteres die eigenen ästhetischen Maßstäbe für alle verbindlich machen und damit Menschen ausschließen. Schließlich gilt die Unverfügbarkeit von Gottes Geist: Ob er nicht auch in dem einen oder anderen vielleicht sehr schlecht gemachten Lobpreislied weht, können wir nicht wissen. Zum anderen beruht ja ein großer Teil der wahrgenommen Daseinsberechtigung der klassischen Kirchenmusik auf einer ähnlichen  „Volksfrömmigkeit“, welche jährlich die adventlichen Besucherströme ins Weihnachtsoratorium lenkt. Und ob das evangelische Kirchenlied wirklich bedroht ist, daran zweifele ich sehr: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass freikirchliche Lobpreislieder gesamtgesellschaftlich anschlussfähiger sind als das evangelische Gesangbuch.

Dennoch ruht sich die klassische Kirchenmusik seit Längerem auf einem Kanon aus und konterkariert damit ihre Helden aus tausendjähriger Geschichte: Die haben aus der Tradition heraus stets Neues geschaffen und gewagt. Dafür bietet die klassische Kirchenmusik aktuell wenig Raum und damit auch für diejenigen, die ihren Glauben in einer ästhetisch derart enggeführten Musik nicht abgebildet sehen. Also lassen Sie uns Altes bewahren und Neues schaffen: gern mit dem bewährten Instrumentarium und Klangkörpern, qualitativ hochwertig, geistvoll, anspruchsvoll, zugänglich, gegenwärtig, verspielt und experimentierfreudig. Damit wären Diskussionen um Popkantoren und Popakademien obsolet.

Daniel Stickan (Lüneburg)

Krönung einer Subkultur. Zur Gründung der Evangelischen Popakademie

Die westfälische Landeskirche und die „Creative Kirche Witten“ haben einen Ausbildungsgang zum „Popkantor“ beschlossen. Dabei wurde eine Stiftung ins Leben gerufen. Sitz der Ausbildungsstätte, für die schon ein „Professor“ berufen wurde, wird nicht in der Hochschule für Kirchenmusik in Herford sein, sondern ein Ort im Ruhrgebiet. Für das ganze Vorhaben hat die westfälische Kirche sehr viel Geld in die Hand genommen. 

Es ist vollbracht – so wird auf Seiten der musikmachenden Rock-Pop-Worship Szene der Evangelischen Kirche in Westfalen suggeriert. Tatsächlich ist es nun gelungen, die quirlige Creative Kirche Witten ins Boot zu holen. Besser gesagt: Die Creative Kirche holte die Landeskirche ins gemeinsame Popschiff. Nun können, ohne genauere Absprachen, keine Alleingänge der einzelnen Institutionen in Richtung populäre Kirchen-Musik mehr gemacht werden. Die Hochschule für Kirchenmusik in Herford sowie das Landeskirchenamt sind damit kirchenrechtliche Partner dieser Creativen Kirche geworden. Das ist – sollte man meinen – auch sinnvoll, weil die kirchliche Musikkultur nun eine Reformation erleben soll und auch erlebt, so der neue Professor für kirchliche Popmusik im Interview.

Die immer noch schlaftrunken dreinblickende klassische Kirchenmusik reibt sich die Augen. „Was haben wir die letzten 50 Jahre nicht alles versäumt …!“ Zuviel Distler, Reda, Bornefeld? Zuviel obertönige Orgeln und zu wenig Wohlklang? Oder gar zu oft das Weihnachtsoratorium?  Zu hoch waren die Rosse, auf denen wir „Etablierte“ saßen oder noch sitzen. Zu wenig haben wir dem „Volk aufs Maul geschaut“ –  jetzt reden andere dem Volk nach dem Mund. Das ist weitaus schlimmer und bringt eine kulturelle Nivellierung ersten Ranges mit sich.

Das evangelische Kirchenlied auf dem unaufhaltsamen Rückzug!?

Wir hören von gewaltigem Aufbruch, dem auch die Heerscharen unserer Chöre und etlicher Sympathisanten beim Pop-Oratorium in Dortmund ihre Bewunderung zollen. Die Popmacher der neuen Studienrichtung freuen sich über das Übermaß an Anerkennung und sprechen gar von einer „zweiten Reformation“. So primitiv und billig kann‘s gar nicht weitergehen, glauben die, die das Alte noch wertschätzen und lieben. Dann sehe ich den Internetauftritt, der für die neue Popkultur in der Kirche wirbt, mit dem Choral „Wunderbarer König“. Dieser stellt alles in den Schatten, was bisher an kirchlichem Pop-Musikprodukt  bis heute produziert wurde. Der Vierertakt erfreut sich einer ungeahnten Beliebtheit; so kann richtiger Groove entstehen. Off Beat braucht diesen Takt dringend zum Feeling.

Wenn nun die demnächst produzierten Musiker als „Popkantorinnen und -kantoren“ auf den kirchlichen Markt kommen, so darf – oder muss – man in Zukunft erfreut sein, gelegentlich den evangelischen Choral wenigstens auf C-Niveau auf der Pfeifenorgel hören zu können. Dieser „Standard“ soll in der neuen Ausbildung zum Popkantor wenigstens noch verlangt werden.

Ich verwende die Bezeichnung „Subkultur“ deshalb, weil, meiner Beobachtung nach, „Bandkultur“ bisher ein eigenständiges, engagiertes Leben geführt hat, und zwar auch auf einfachem musikalischem Niveau. Dies soll, nach Aussage der Popmacher, nun professionalisiert werden. Man könnte meinen, dies sei ein zunächst ganz richtiger Gedanke. Allerdings wohnt diesem Engagement auf Laienebene vor allem ein sozialer Moment inne.  Man trifft sich in der „Szene“ gerne; es wird Musik gemacht, so gut es eben geht – laut und begeistert. Von einer singenden, den Gemeindegesang pflegenden Gemeinde haben viele keine Ahnung – und die brauchen sie auch nicht mehr. Letztlich brauchen Schlager und Worship keine wirklich singende Gemeinde im Sinne eines „Sollt ich meinem Gott nicht singen“.

Nach etlichen Umfragen mit Bandmitgliedern aus dieser Szene merkte ich, dass die fachliche Fortbildung in diesem Bereich ihnen nicht wichtig erscheint. Man ist ganz zufrieden mit dem Ist-Zustand. Das wird den Gruppen von ihren Mitgliedern und auch oft von Pfarrern so suggeriert. Also, warum viel üben? Es reicht doch!

Vielleicht passiert jetzt das Phänomen, das schon oft in der Geschichte passierte, wenn kulturelle „Kommastellen“ verschoben werden: Das Vorhergehende schrumpft, es verkleinert sich, wird leise bis zur Unhörbarkeit – und zwar deshalb, weil die musikalische Kraft und Tiefe fehlen. Ob das die Macher schon bedacht haben? Und nur vielleicht wird man sich dann an die Orgelkunst erinnern – sofern es bis dahin noch genügend Instrumente und fähige Organisten gibt …

KMD Martin Rieker (Halle/Westfalen)
4.11.2015

Einspruch zu: Der doppelte Crüger. Rezension von Christian Finke in MuK 3/2015, S. 210f. zu: Johann Crüger: Krit. Ausgabe ausgewählter Werke: Hrsg. von Holger Eichhorn u. Martin Lubenow

Die „Rezension“ (PDF) zur o. g. Crüger-Edition von Holger Eichhorn musste ich mit Befremden zur Kenntnis nehmen. Da ich diese Edition als ein Werk größter Ernst- und Gewissenhaftigkeit kenne (und bereits erfolgreich daraus musiziert habe), scheint es sich hier nur um einen Irrtum oder um eine (nicht nur im Ton vergriffene) Aggression zu handeln, die man so nicht hinnehmen kann:
In Ihrer Besprechung „Der doppelte Crüger“ wird zunächst auf die (fast schon tragische) Duplizität der parallelen Editionen Geistl. Kirchen-Melodien 1649: Johann Crüger hingewiesen. Um sodann die Edition Münster 2014: MV-Vlg (Wss. Schr. d. WWU () XIII.3) als offenkundigen Favoriten über den grünen Klee zu loben – welch verwunderlicher, wenn nicht absurder Kontrast zur dann folgenden Schmähung der Berlin-Germersheimer Ausgabe der Crüger-Concert-Choräle Bd. I selben Inhalts.

Doch bleibt hier die eigentliche Aufgabe einer (inhaltlich kritischen) Rezension durchweg unerfüllt, lediglich von formalen Unwesentlichkeiten ist hier die Rede; dagegen die Erörterung konzeptioneller Ansätze, analytischer Vorgänge oder Prioritäten  – sie findet nicht statt.

Stattdessen: Einseitige Polemik mangelnder Kompetenz, eifernder Totalverriss auf armseliger Basis. Ein unvoreingenommenes Studium hätte die Augen für unstrittige Vorzüge – z. B. intelligenter Darstellung inkl. instruktiver Verzeichnisse wie Kritischer Berichts, dazu hintergründigen Informations- und Reflexionsreichtums – der „Eichhorn-Edition“ geöffnet.

Ob sich des Rätsels Lösung für das Ausmaß fachlich wie human bemerkenswerter Entgleisungen im o. g. Beitrag bereits auf S. 210, Zeile 21–26 der ersten Textspalte findet? Denn dort wird der betr. Edition attestiert, ihr „scheint es an früher Kommunikation nach außen zu mangeln. Synergie jedenfalls könnte anders aussehen“ – klarer lassen sich die Motive des Schreibers kaum offenlegen. 

Nun haben Eifersuchtsergüsse es an sich, mitunter erstaunlich (stil)übergriffige Invektiven zu entwickeln. Wobei sich fragt, was dergleichen in einem Text zu suchen hat, der probiert, sich als Beitrag wissenschaftlichen Anspruchs darzustellen. Und wo‘s nicht recht gelingen will, sich immer heftiger vergreift. Schade. 

Schade ist wie gesagt vor allem, dass über dürftige Grundinformationen hinaus keinerlei eigentlich inhaltliche Aussage zustande kommt – weder für die belobigte noch für die verworfene Edition. So muss der interessierte Leser auf gerade dasjenige verzichten, worauf er berechtigterweise zuerst Wert legte: Denn statt substantieller Kritik gibt’s nur engkarierte Verwurfs-„Belege“, die sich einzig auf die Nennung einiger (freilich für jeden Hrsg. ärger- und bedauerlicher) Druck-, Schreib- u. a. Flüchtigkeitsfehler beschränken – schon mal was von altpersischer Teppichkunst gehört?

Allerdings bitte nicht misszuverstehen – Fehler sind Fehler: das ist das eine, ihre differenzierte Zuordnung und Einstufung jedoch das andere. Wenn aber „Glauben“ und „Vertrauen“ „das Hauptproblem ist“, darf sich unser Mitleid in Grenzen halten. Denn ob man mit derart „wissenschaftlichen Kategorien“ befugt und zu beurteilen imstande ist, wie’s mit „verschachtelt(en) Verzettelungen (zum) klaren Punkt“ steht und was „dem Anspruch einer dezidiert wissenschaftlich-kritischen Edition () gerecht (wird)“ – das wollen wir bezweifeln.

Auch ist der suggerierte Preisvergleich eine Taktlosigkeit niederster Ebene, und unfair obendrein: wird doch verschwiegen, dass das eine Projekt mit öffentlichen, d. h. Uni- und damit Steuergeldern hochsubventioniert, das andere dagegen aus rein privatinitiativem Idealismus riskiert wurde.

Ohne zu begreifen, wie derartig parteiische, unfähig ungehörige Auslassungen die Schwellen von verantwortlichem Lektorat und Redaktion überhaupt passieren konnten, wäre mein Vorschlag: Da diese völlig misslungen ist, sollte eine wirkliche „Rezension“, die diesen Namen verdient – d. h. mit mehr Kompetenz und weniger Schaum vorm Mund – neu vergeben werden.

Prof. Gerhard Schmidt-Gaden
München 15.6.2015

Zu MuK 2/2015, S. 80–81 – aufgegriffen. Das Gespenst und seine Nische. Zum Phänomen Cameron Carpenter. Von Marcus Strümpe

O weh – ein Gespenst …! Kaum macht sich ein Ausnahmeorganist mit schrillem Outfit einen Namen, rottet sich die traditionsbewusste deutsche Kirchenmusikerszene in der Ecke zusammen, zieht die Pullunder zurecht und murmelt schmallippig irgendwas von „Effekthascherei“. Soll sich der Mann doch lieber in die Verzierungspraxis bei Matthias Weckmann einarbeiten, dann bräuchte man nicht mehr eifersüchtig auf seine schier unglaublichen technischen Fähigkeiten zu schielen. Zum Glück kommt ja jetzt der Kollege Strümpe und vertreibt den Spuk, indem er das Phänomen CC analysiert und ihm großmütig seine Nische zugesteht.

Ich will keine etablierten Konzertorganisten in Deutschland namentlich nennen, aber sowohl eitle Selbstdarstellung als auch leeres Virtuosengehabe und sinnlose Temposchinderei kenne ich aus etlichen selbst erlebten Situationen. Kaum jemand kann sich von Eitelkeiten frei sprechen, aber man muss erst mal in der Lage sein, sie sich leisten zu können!

Lieber Marcus Strümpe, es ist unrichtig, Virgil Fox, Liberace oder Michael Jackson ins Feld zu führen, ich bezweifle sehr, dass einer der genannten Herren abgesehen vom Glamour-Faktor hier mithalten könnte. Es ist unrichtig, zu behaupten, das Erscheinen von CC schaffe eine „originäre Nische“ - er bedient exakt die gleiche Klientel wie vor 25 Jahren der Punk-Geiger Nigel Kennedy, der die Öffentlichkeit u. a. mit dem Namen Vivaldi konfrontiert hat. Es ist mir vollkommen egal, ob Carpenter der Orgelszene nützt oder schadet, ob er mit nacktem Oberkörper oder mit Paillettenhosen und Stiefeln mit Glasabsatz spielt und ob er von findigen Geschäftemachern vermarktet wird.

Ich würde für jedes seiner Konzerte zehn konventionelle Programme mit der xten Version von Liszt „Ad nos“ sausen lassen, weil es einfach ein singuläres Ereignis ist, ihm zuzuhören. Übrigens genau wie bei Musikern wie z. B. Lhasa de Sela oder Mike Terrana, um mal ein bisschen das Milieu der atmenden Windversorgung und der musealen Fragestellungen zu verlassen.
Wir tun gut daran, solche Phänomene mit unserer interessierten Aufmerksamkeit zu bedenken. Jeder wird dann sehr schnell merken, ob es ihm etwas gibt oder nicht. Das brauche ich jedenfalls nicht in MuK zu lesen.
 
Mathias Michaely, Helmstedt, 30.3.2015

Was noch …? Mozart + X – Brahms + X

Mozarts Requiem und „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms füllen einen „normalen“ Konzertabend nicht aus. Darum stellen sich Kirchenmusikerinnen und - musiker die Frage, mit welchen Werken man die beiden Werke kombinieren kann. Wir bitten Sie, uns und damit den Kolleginnen und Kollegen mitzuteilen, welche „Klangexperimente“ Sie unternommen haben: Kontakt: redaktion@musikundkirche.de. De Liste wird ständig aktualisiert

Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem

kombiniert mit:

Olivier Messiaen: O sacrum convivium; O. Messiaen/Cl. Gottwald: Louange à l'Éternité de Jésus aus dem Quatuor pour la fin du temps, bearbeitet für 17-stimmigen Chor; Georg Friedrich Haas: Sieben Klangräume zu den unvollendeten Fragmenten des Requiems von W. A. Mozart für gem. Chor und Orchester
Koblenz / Schwäbisch Gmünd 20. und 22.7.2017
SWR Vokalensemble, SWR Symphonieorchester, Leitung: Risto Joost

Johann Sebastian Bach: Actus tragicus (Orchestrierung; Heribert Breuer), Johann Sebastian Bach: "Kunst der Fuge", Contrapunctus 14 / Mozart, Requiem: Introitus + Kyrie / Canon I / Sequenz / Canon II / Offertorium / Canon III / Sanctus + Benedictus / Canon IV / Agnus / "Libera me" Chor a cappella / Lux aeterna + Cum sanctis tuis
Berlin 27.11.2014: Chor der Berliner Bach Akademie, Konzerthausorchester, Leitung Heribert Breuer

22.11.2014 Martinskirche Kassel
György Ligeti: Drei Phantasien für Chor a cappella, Ligeti: Lux aeterna
Vocalensemble und Kantorei St. Martin, Orchester St. Martin, Leitung: Eckhard Manz

Wolfgang Amadeus Mozart: Ave verum
Enjott Schneider: Reflections on Mozart’s Requiem
Münster 22./23.11.2014, Kantorei an der Apostelkirche Münster, Klaus Vetter

Francis Poulenc: Gloria
Dortmund 22.11.2014, Dortmunder Bach-Chor an St. Reinoldi, Neue Philharmonie Westfalen, Leitung: Klaus-Eldert Müller

 

Felix Mendelssohn Bartholdy: Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ WoO
Hamm (Pauluskirche ) 25.10.2015, Pauluskantorei Hamm, Ensemble „Kammerton“, Leitung: Heiko Ittig

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

kombiniert mit:

Lili Boulanger: Psalm 130 (1917)
Kassel 8.11.2014, Kantorei und Orchester St. Matin: Eckhard Manz

Gustav Mahler: Kindertotenlieder
Karlsruhe 23.11.2014, Bachchor Karlsruhe, Camerata 2000, Christian-Markus Raiser

Robert Schumann: Nachtlied op. 107
16.11.2014 Uelzen, St.-Marien-Kantorei Uelzen, Hamburger Camerata, Erik Matz

Johann Sebastian Bach: Passacaglia (Instrumentierung: Heribert Breuer), Peter Cornelius "Trauer und Trost" für Bariton und Orchester
Berlin 17.11.2013, Berliner Bach Akademie + Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, Staatskapelle Halle, Leitung: Heribert Breuer

Frauen in der Kirchenmusik

Zu: Tatjana K. Schnütgen: Raum für Frauen in der Kirchenmusik, in: MuK 1/2013, S. 54ff.

"Es wäre ein Zeichen von Gleichberechtigung, sich einfach zu begegnen, ohne das Geschlecht zu thematisieren." Diesem Wunsch vermag ich zuzustimmen, aber der Artikel tut genau das andere: das Geschlecht thematisieren. Darin zeigt sich eine der Aporien dieser ganzen Debatte, die mich zusehends ratlos macht.

Dr. Hendrik Munsonius, Göttingen
4.9.2013

Plädoyer für‘s Sitzenbleiben

Zu: Martin Nicol: Klangraum Gottesdienst, MuK 1/2013, S. 24–30

Seltsam: Singt nach dem Segen noch der Kinderchor, Kirchenchor oder spielt eine Band, löst das nicht in dem Maße Diskussionen aus wie Martin Nicols Äußerungen in seinem Artikel „Klangraum Gottesdienst“ über das Orgelnachspiel.

Er schreibt: „Die „Musik zum Ausgang“ mutierte in vielen Gemeinden zum Kurzkonzert, bei dem die Gemeinde wieder Platz nimmt. Das entbehrt nicht einer gewissen Absurdität, war doch die Gemeinde eben noch zum Gehen aufgefordert worden: „Gehet hin im Frieden des Herrn!“ Warum die Gemeinde zwangsweise zum Konzertpublikum machen und sie nicht einfach mit Gottes Segen gehen lassen?“

Es stimmt: Das Orgelnachspiel hatte und hat vor allem in der katholische Kirche die Funktion einer Prozessionsmusik. Es begleitet den Auszug der liturgisch Handelnden. Bei Kasualien, z. B. Hochzeit und Bestattung, bei Konfirmationen, Familiengottesdiensten, Christvespern oder Ostergottesdiensten wird das Nachspiel auch in den evangelischen Gemeinden vielerorts als Prozessionsmusik eingesetzt. Trotzdem sehe ich keinen Sinn darin, eine Grundsatzdebatte über das Sitzenbleiben beim Orgelnachspiel loszutreten. Denn was ist die Alternative? Eine laut sich unterhaltende Gemeinde, die den „Lärm“ der Orgel übertönen muss, um die eigenen Worte zu verstehen? Oder eine von vorne herein zum Scheitern verurteilte „Gemeindeerziehung“?

In meiner Gottesdienstpraxis bleibt die Gemeinde seit 30 Jahren zum Nachspiel sitzen und ich habe regelmäßig viele dankbare Rückmeldungen bekommen. Das Nachspiel wird dann geschätzt, wenn es nicht als Appendix empfunden wird, sondern einen stimmigen Zusammenhang zum vorher Gehörten, Gesungenen und Gefeierten spürbar werden lässt.

Als Generalprobe für die gerade geübten Konzertstücke eignet sich die liturgische Station, wenn sie denn eine soll, gewiss nicht. Vielmehr sollte mit dem Nachspiel die Gesamtbewegung des Gottesdienstes aufgenommen und zusammengefasst werden, zugegeben, eine nicht immer einfache Aufgabe, die viel Erfahrung erfordert und zu wenig gelehrt wird. Das Orgelnachspiel begleitet den Gang über die Schwelle nach draußen.  Das muss nicht dadurch geschehen, dass ich aufstehe und hinausgehe. Es kann meiner Erfahrung nach auch im Sitzen ein „hörendes Hinausgehen“ geben, eine Art Schutzzone, eine akustische Schwelle zwischen drinnen und draußen, die ich nach dem Segen überschreite, eine heilsame Verzögerung, bevor mich draußen wieder die Brandung der Worte umgibt.

Hans-Peter Braun, Tübingen
1.3.2013