Die unabhängige Zeitschrift zu allen Bereichen der Kirchenmusik

Editorial zu Heft 4/2010

Liebe Leserinnen und Leser,

Zum wiederholten Mal greift unsere – mit ökumenisch besetztem Herausgeberkreis bestückte – Zeitschrift das Thema „Ökumene“ auf – vor kirchenmusikalischem Horizont. An dieser Stelle soll einleitend der gesamttheologische Horizont aufscheinen.

Bewegend ist die Entwicklung in der katholischen Theologie. Otto Hermann Pesch, dessen Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung gerade erschienen ist, hat sich in der katholischen Wochenzeitung Christ in der Gegenwart (Nr. 19/2010) im Hinblick auf den Ökumenischen Kirchentag dahingehend geäußert, dass heute keine zwingenden theologischen Gründe gegen eine gegenseitige Zulassung zur Eucharistie zu sehen sind, zum Abendmahl, gegen die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt oder für die Anerkennung des päpstlichen Primats … als Bedingung für eine neue Einheit der Kirche.

Nun könnten die Evangelischen sagen: „Na, endlich haben sie von uns gelernt.“ Aber so einfach ist es nicht. Anders als zum Beispiel dem angloamerikanischen Protestantismus (Gordon Lathrop), fehlt dem deutschen eine vom Gottesdienst ausgehende Ekklesiologie. Wir fragen wenig nach der im Gottesdienst immer wieder neu zusammengerufenen „einen heiligen Kirche“, sondern machen „gottesdienstliche Angebote für die Zeitgenossen“, „intensiv und unverbindlich“, und diejenigen, die vehement das gemeinsame Abendmahl einfordern, sind oft wie selbstverständlich bereit, die gemeinsam erarbeiteten ökumenischen Texte zu verändern und in evangelischer Freiheit der eigenen Gestaltungskraft zu vertrauen. Wer aber das schon Gemeinsame nicht einübt, wird nicht zu größerer Gemeinsamkeit finden.

Und schließlich: Das Gotteslob als theologia prima ist als ökumenisches Grunddatum in beiden Kirchen erst noch zu entdecken – ebenso wie die Mahnung, die Augustinus den Singenden auf den Weg gibt: Sei, was du singst.

Und doch: Wir sind auf dem Weg, es gibt kein Zurück.

Zwei persönliche Erfahrungen mögen zeigen, woher wir kommen und wohin wir geführt werden: „Don’t cross the street“, sagten meine Studienkollegen, als wir in einem bestimmten Viertel im nordirischen Belfast unterwegs waren, „the other side is catholic, there might be stones thrown by children“. 50 Jahre später: „Mit Ihnen könnte ich gut evangelisch sein,“ sagte ein Ordensmann zu mir, und ich entgegnete: „Mit Ihnen könnte ich auch gut katholisch sein.“

Ihre

Christa Reich

 

© 2010 by Bärenreiter-Verlag, all rights reserved