Die unabhängige Zeitschrift zu allen Bereichen der Kirchenmusik
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
als meine Berufszeit im Kinderchor einer Wuppertaler Gemeinde begann, war die Welt der Kantorinnen und Kantoren noch weitgehend in Ordnung und klar strukturiert. Die Stellenpläne wiesen eine meist flächendeckende kirchenmusikalische Versorgung durch Hauptamtliche auf, neue Orgeln wurden gebaut, Kantoreien blühten und die Hochschulen konnten aus den zahlreichen Bewerbern auswählen. Eine Insel der Seligen, die wir nun verloren haben? Der kulturelle Niedergang der Kirchen? Sicher: Die Zeiten sind in vielerlei Hinsicht schwieriger geworden. Die Stellenpläne sind befristet und weisen erhebliche Lücken auf, große Oratorienaufführungen und Orgelneubauten sind ohne Spenden nicht mehr zu leisten, die Akzeptanz der traditionellen Kirchenmusik ist diskussionswürdig geworden. Parallel dazu haben sich Berufsbild und Ausbildung erheblich verändert. Außer den Qualifikationen in künstlerischem und liturgischem Orgelspiel sowie in der Erwachsenenchorleitung sind heute zahlreiche weitere Spezialisierungen möglich: Popularmusik im chorischen und instrumentalen Bereich, Kinderchorleitung, Gospelmusik, musikalische Früherziehung.
Darüber hinaus sind wir – meist unausgebildet – in Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Einwerben von Sponsorengeldern, Kommunikation in vielen Gremien usw. gefordert. Mehr und mehr führen jedoch diese vielen Facetten weg von der „eierlegenden Wollmilchsau“, als die unsere Berufsgruppe lange gefordert war. Oft finden wir uns als Hauptamtliche nun in Stellen wieder, die ein umrissenes Profil erwarten. Neigungen und besondere Begabungen können hier stärker ausgelebt werden, die Beschränkung auf wenige Arbeitsbereiche führt zur Intensivierung und wirkt oft dem frühzeitigen „Ausbrennen“ entgegen. Also: eine Chance für Gemeinden, Kantorinnen und Kantoren!
Dieses Heft beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten: Gunter Kennel wirft einen Blick in die Zukunft des Kirchenmusikerberufs, Christfried Brödel und Peter Bubmann diskutieren Konsequenzen für die Hochschulausbildung und Rüdiger Joedt erläutert nach Umstellung des Tarifrechts die Veränderungen.
Für alle Interessierten sei auf www.musikundkirche.de verwiesen: Dort finden Sie unter dem Titel „Germanys next Top-Kantor(in)“ einen Aufsatz von Gunther Martin Göttsche, der sich mit gesellschaftlichen und kirchlichen Phänomenen des Wandels auseinandersetzt.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre
ANTJE WISSEMANN
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