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Editorial zu Heft 1 / 2012

Liebe Leserinnen und Leser,

Die Frage nach Melodie, Rhythmus und Harmonie, ihrer jeweiligen Besonderheit und ihrer Zusammengehörigkeit ist so alt wie die Musik und das Nachdenken über sie. Schon Platon hat darüber im Dritten Buch seiner Politeia (398 c) ausführlich geschrieben. In unserem ersten Heft des neuen Jahres geht es jedoch nicht um einen geschichtlichen Überblick über diese grundlegenden Trias der Musik. Wir möchten vielmehr anhand von Beispielen diese Thematik wieder einmal in Erinnerung rufen, besonders im Blick auf die Lieder und Choräle, die in unseren Gottesdiensten gesungen werden.

Harald Schroeter-Wittke widmet sich in seinem Beitrag der vernachlässigten Rhythmik, die seiner Meinung nach mehr und mehr aus den Kirchen verschwand, und plädiert für ein unverkrampftes Verhältnis zum Körper und seiner Lust. Es ist eine im Blick auf unsere Zeit und ihre populäre Musik wichtige Beobachtung, die generell zur Frage an die Musik in den Gottesdiensten werden sollte. Matthias Schneider zeigt an neuen und alten Liedern auf, wie Texte Melodie und Rhythmus bestimmen, sie zu einer Einheit verschmelzen und ihnen damit auch verkündigenden Charakter verleihen. Aber auch ein Blick auf die Harmonie und ihre Zusammengehörigkeit mit dem Text lohnt sich. Martin Petzoldt und Lorenz Stolzenbach gehen dem am Beispiel des Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ in Bachs Matthäus-Passion nach und zeigen, wie sehr Bach sich vom Text, seinem Umfeld und seinem theologischen Sinn leiten lässt und danach den harmonischen Satz einrichtet, der dadurch seinen unverwechselbaren Charakter erhält. Eine Grunderkenntnis, welche durch die übliche Praxis, auf einen gegebenen Choralsatz mehrere Strophen eines Liedes zu singen, verdrängt wird. Meinrad Walter nimmt die Thematik des Heftes auf ungewöhnliche Weise auf, indem er zeigt, wie Choralzitate, deren Melodie, Rhythmik und Harmonik, in andere Zusammenhänge gebracht, verfremdend und irritierend wirken, Vertrautes wiedererkennen lassen und damit Neugier wecken.

Alle diese Beispiele machen deutlich, wie wichtig es ist, immer wieder neu auf jene Dreierbeziehung von Melodie, Rhythmik und Harmonie zu achten, ihr höchste theologische und musikalische Aufmerksamkeit zu schenken, damit Musik in Kirche und Gottesdienst auch weiterhin praedicatio sonora, klingende Predigt, bleiben kann. Vielleicht kann das ja auch Programm für Sie im neuen Jahr sein.

Ihr


KLAUS RÖHRING


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