Ohne Sonntagsbraten
Dominik Susteck, Organist an der Kunst-Station St. Peter Köln

Auf den ersten Blick ist die Kölner Kirche St. Peter ein karger Raum. Die 1525 vollendete Basilika ist der letzte erhaltene gotische Kirchenbau in der Stadt. Das Innere der Kirche besteht aus einem dreischiffigen, lichtdurchfluteten Raum mit einem schmucklosen Betonboden, der bis auf wenige Kunstgegenstände komplett leer ist. Zweimal im Jahr, während der Fastenzeit und im Advent, sind auch diese noch verhüllt; selbst vor die aus der Renaissancezeit stammenden Fenster werden dann Tücher gehängt.

In solchen Zeiten gibt sich Organist Dominik Susteck besonders viel Mühe, ein anregendes musikalisches Programm zu bieten, von elektronischer Musik bis zu Klavierimprovisationen reicht die Bandbreite. Nicht selten erreichen ihn nach den Gottesdiensten positive Rückmeldungen der Gemeinde: „Das passiert durchaus öfter. Umgekehrt ist es zwar auch schon mal vorgekommen, aber das kann man an einer Hand abzählen“, so Susteck. Die Gemeinde, die sich Sonntag für Sonntag in der Kölner Kunststation St. Peter versammelt, ist allerdings auch eine sehr spezielle „Fahr-Gemeinde“. Die Leute kommen von weit außerhalb, manche wegen der Kunst, andere wegen der Musik oder den literarischen Veranstaltungen, aber auf jeden Fall aufgrund des speziellen ästhetischen Profils, das sich die Gemeinde in den letzten Jahren gegeben hat. „Das Interessante in dieser Gemeinde ist, dass sich ganz unterschiedliche Gruppen verbinden. Das ist das Schöne, dadurch gibt es viele Wechselwirkungen.“ Kunst, Literatur und Musik sind die drei Standbeine der Gemeinde, aber auch die klassische Pastoral wird nicht vernachlässigt. Sonntags gibt es immerhin vier Gottesdienste, das ist für eine Kölner Innenstadtgemeinde mit nur knapp 500 eigenen Mitgliedern mehr als beachtlich. Vor allem die Arbeit mit Kindern wird großgeschrieben. „Sie werden aber nicht geschont“, sagt Susteck im Hinblick auf das musikalische Programm der Gemeinde mit einem Schmunzeln, „sie lieben natürlich die Orgel.“

Das Instrument mit seinen 106 Registern auf sechs Werken neben dem ambitionierten Kunstprogramm ist das zweite Aushängeschild der Kirchengemeinde. „Die Orgel ist so reichhaltig, sie hat Hunderte von Klangfarben, was auch dem Charakter des lichten Kirchenraumes entspricht. Diese hell disponierte Orgel ist der Beweis dafür, dass neobarocke Orgeln auch in sich stimmig sein können.“ Das noch von Sustecks Vorgänger Peter Bares speziell für neue Musik konzipierte und von der Köl-ner Werkstatt Willi Peter erbaute Instrument hat beispielsweise vier ganz gegensätzlich zusammengestellte Zimbeln, die den Orgelklang sehr unterschiedlich einfärben und nicht auf Tuttispiel ausgelegt sind. Weitere Register sind unter anderem Physharmonica, Trillerpfeife, Jauler, Saxophonen von der 32‘ bis zur 8‘-Lage und eine große Batterie mit Röhrenglocken, Xylophon, Xylodur, Becken, Harfe oder Psalterium. Gerade wurde die Chororgel erweitert und verschiedene neue Register u. a. ein „Bronzeton“ hinzugefügt.

Ein schönes „Spielzeug“, könnte man meinen „Ja – wenn man damit nicht umgehen kann“, so Susteck. „Ich habe bei Nicolaus A. Huber Komposition studiert und weiß schon genau, was ich tue. Ich will nicht traditionellen Mustern folgen, sondern die reine Energie der Musik spürbar werden lassen.“ Sustecks Ansatz ist für traditionell geschulte Ohren radikal, doch wie verträgt er sich mit traditionellem Gemeindegesang? „Das ist natürlich eine Herausforderung. Einerseits verwenden wir unter anderem ein Gesangbuch von Peter Bares, das zwölftönige Lieder enthält. Andererseits verwende ich bei traditionellen Liedern auch eher traditionelle Begleitmuster, weil der Bruch sonst zu groß wäre.“ Doch auch hier bricht Susteck alte Muster gerne auf, konfrontiert die an Vieles gewöhnte Gemeinde immer wieder mit neuen Klängen. Das verlangt von der Gemeinde eine große geistige und musikalische Beweglichkeit. Doch die singt selbst zwölftönige Gesänge a cappella. Eine Provokation ist so etwas für ihn nicht. „Wenn ein konventioneller Pianist einen Cluster spielt, dann kann das eine Provokation sein, dann ist das platt. Etwas Authentisches ist ausgearbeitet, hat verschiedene Ebenen, ist spannend.“ Es würde ihm nicht gerecht, wenn man es als Provokation bezeichnete. „Auf das Authentische kommt es an.“ Musik soll für Susteck aus sich heraus strahlen und Gotteserfahrungen ermöglichen. Diese Erfahrungen sollen erschüttern, existenziell sein und Fragen aufwerfen. „Wenn sie das tut, dann verkündigt sie gleichzeitig auch.“

Wichtig ist für Susteck immer das professionelle Niveau, auf dem alle Aktivitäten in St. Peter stattfinden. „Kunst und Musik sind hier strikt getrennt, dafür aber auf sehr hohem Niveau angesiedelt.“ Susteck meint hier explizit die freie Musik, denn, so seine Beobachtung, die „kirchliche Neue Musik ist eine Subkultur auf einem Niveau, das mit der Moderne nicht mehr viel zu tun hat. Das ist wie in der Bildenden Kunst“. Wichtig sei es, dass man ein bestimmtes Niveau erreichen wolle. In St. Peter wird dies etwa durch einen Musik- und einen Kunstbeirat sichergestellt, die über das künstlerische Programm in St. Peter entscheiden.

Das musikalische Profil wird von der Musik der Gegenwart bestimmt. „Wir wollen wirklich zeitgenössische Musik aufführen. Dann sind wir aber auch in der Tradition verwurzelt und machen z. B. auch Stockhausens Kontakte aus den 60er-Jahren oder Werke von Peter Bares.“ Es gibt auch einen Composer in residence, letztes Jahr war es Peter Köszeghy aus Berlin, der an der Orgel von St. Peter ein 15-minütiges Stück geschrieben hat. In diesem Jahr ist der portugiesische Komponist Luís Antunes Pena Composer in residence und wird wie seine Vorgänger auch eine Auftragskomposition schreiben, die von Dominik Susteck uraufgeführt und vom Deutschlandfunk mitgeschnitten und gesendet wird.

„Allgemein könnte ich natürlich anfangen zu jammern, wie die traditionelle Kirchenmusik die Chance verspielt, sich mit den existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Vielerorts findet stattdessen eine Anbiederung an die populäre Musik statt. Dann kommt es nicht mehr auf Qualität an, sondern darauf, dass einen viele gut finden. Das sehe ich sehr problematisch. Manche Leute machen es aber anders. Es gibt immer wieder kleine Leuchtturmprojekte als Lichtblicke.“ Musik solle nicht unterhalten, sondern in die Tiefe gehen. „Ich will nicht einen reinen Museumsbetrieb veranstalten, mit Weihnachtsoratorium und Sonntagsbraten. Das soll es ruhig geben, aber nur in Maßen. Dass es so überproportional vorhanden ist und die Moderne nur am Rande stattfindet, ist ja eigentlich eine verkehrte Welt, eigentlich müsste es andersherum sein.“
Guido Krawinkel


Dominik Susteck wurde 1977 in Bochum geboren und studierte zwischen 1998 und 2005 an der Folkwang Hochschule Essen sowie an den Musikhochschulen in Köln und Saarbrücken Schulmusik, Kirchenmusik, Komposition, Musiktheorie und Konzertexamen Orgel. 2007 II. Staatsexamen für Gymnasien und Gesamtschulen, seitdem Unterrichtstätigkeit an einem Gymnasium. Von 2002 bis 2007 Dozent für Musiktheorie und Orgel an der Bischöflichen Kirchenmusikschule Essen sowie 2006 Lehrbeauftragter für Musiktheorie an der Folkwang Hochschule Essen. Seit 2009 Lehrbeauftragter an der Robert-Schumann-Hochschule-Düsseldorf. 2007 als Nachfolger von Peter Bares Organist und Komponist an der Kunst-Station Sankt Peter Köln. – www.sankt-peter-koeln.de








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